Der erste Schnee

Im Oktober geht es normalerweise los. Das Warten auf den Schnee. Ich denke dann an die Erzählungen meiner Kollegen, die von tief verschneiten Herbstferien mit Schlittenfahrten und Schneeballschlachten erzählen und denke an meinen ersten, perfekten Winter hier in Schweden. Meiner Meinung nach muss es hier in Dalarna im Oktober das erste mal schneien. Wenn es ein paar Tage liegen bleibt, um so besser.

Nur leider kam der erste Schnee die letzten Jahre immer später. Oder nur spärlich. Aber egal in welcher Form er kommt – als einzelne Schneeflocken oder als weiße Schneedecken – den ersten Schnee finde ich immer wunderschön. Wenn ich nur nicht immer so lange warten müsste!

Letzte Woche habe ich den Wetterbericht mit Adleraugen verfolgt. Die ersten Schneeflocken sind aufgetaucht, wieder verschwunden, haben sich von Tag zu Tag verschoben, ab und zu mit kleinen Regentropfensymbolen gemischt. Alles also sehr ungewiss. Aber es gab eine gewisse Chance, dass am Wochenende der erste Schnee kommen könnte. Bis dann am Freitag nur noch Sonne und Minusgrade angezeigt wurden. Da habe ich die Hoffnung erstmal beiseite geschoben, aber beschlossen, dass Sonne und Frost ja immerhin auch eine gute Mischung abgibt. Und habe den Plan gefasst, Samstags mit der Kamera nach Fryksås zu fahren, denn dort sollte es kälter werden.

Bevor wir am Freitag Abend ins Bett gingen, habe ich extra noch einmal aus dem Fenster geschaut. Kein Schnee. Aber irgendwie hatte ich dennoch ein Gefühl, dass da nachts noch etwas kommen könnte und tatsächlich – als wir morgens den Vorhang öffneten, lag draußen eine schöne weiße Schneedecke. Alles sah gleich viel schöner und heller aus!

Nach dem Frühstück habe ich daher meine Kamera und mein Stativ gepackt und bin Richtung Fryksås losgefahren. Den ersten Fotostopp habe ich allerdings spontan schon in Bäcka am Orsasee gemacht, denn dort lag der See spiegelglatt da und hat die schneebedeckten Bäume gespiegelt.

Rings um mich war die Landschaft schneebedeckt und auch wenn man noch nicht von tief verschneit reden konnte, so sah doch alles schon sehr nach Winterwunderland aus. Hier habe ich ein paar Mal tief eingeatmet und den Duft des Schnees und die Stille um mich herum genossen.

Nach einer Weile habe ich mich losgerissen und bin weiter Richtung Berg gefahren. Aus der Ferne konnte ich allerdings schon sehen, dass die Bäume zum Bergrücken hin dunkler aussahen als unten im Tal und machte mich vorbeugend darauf gefasst, dass oben im Fäbod womöglich weniger Schnee lag als unten am See. Und so war es auch – kurz vor Fryksås kam das Grün der Fichten mehr und mehr durch und die Watteschicht aus Schnee wurde dünner. Trotzdem sah es auch dort noch schön winterlich aus und so bin ich erstmal kurz zum üblichen Aussichtspunkt gegangen.

Soweit das Auge blicken konnte, war der Wald mit einer Puderzuckerschicht aus frisch gefallenem Schnee bedeckt. Selbst an bewölkten Tagen verändert sich das Licht durch den Schnee direkt und ich habe das Gefühl, die Welt wird weiter.

Man sieht gut, dass Herbst und Winter hier noch um ihr Dasein konkurrieren, denn so mancher Rot- und Gelbton sticht noch aus dem winterlichen Weiß heraus, um eine letzte Chance bemüht, bevor bald noch mehr Schnee kommt und alles bis zum Frühling verdeckt.

Ich habe beschlossen, meine übliche Runde zu laufen und beim Bärenteich vorbei zu schauen. Eine kleine, aber feine Runde, die eigentlich immer mit schönen Momenten aufwartet. So auch dieses Mal. Der Boden war noch nicht ganz gefroren und man konnte – zum Glück – die Stellen recht gut erkennen, wo es noch sehr nass war. Mit etwas Gekraxel kam ich aber über die schwierigsten Stellen gut hinweg.

Der Bärenteich lag still vor mir, von einer dünnen Eisschicht bedeckt, auf der sich teilweise schon der Schnee gelegt hatte. Außer einem fernen, leisen Dröhnen von den Schneekanonen in Grönklitt war nichts zu hören.

Diesmal hat es mich nicht lange hier am Teich gehalten, sondern wieder in den Wald gelockt. Statt denselben Weg zurück zu laufen, habe ich einen neuen, kleineren Pfad getestet, der mich über einen Bergkamm geführt hat. Hier waren keinerlei Fußspuren zu sehen, nur unberührter Schnee, der von meinen Füßen durchgewirbelt wurde.

Die Fichten mit ihren schneebedeckten Zweigen standen dicht links und rechts des Pfades und haben die erste Weihnachtsstimmung in mir geweckt. Hoffentlich sieht es an Weihnachten auch so aus!

Als ich mich dem Dorf wieder näherte, fiel plötzlich die Sonne durch die Zweige und ließ den Schnee golden aufleuchten. Und durch die warmen Sonnenstrahlen verlockt, beschloss ich kurzerhand, wieder runter an den Orsasee zu fahren, wo die Sonne hoffentlich auf den spiegelglatten See scheinen würde. Fryksås in allen Ehren, aber Spiegelungen von Schnee und Sonnenlicht auf einem windstillen See ist einfach etwas wunderbares. Und da in den letzten zwei Jahren der See immer schon zugefroren war, wenn der Schnee liegen blieb, war das vielleicht die einzige Chance, die ich bekommen würde.

Ich habe mich also im Auto kurz mit heißem Tee aus der Thermoskanne aufgewärmt und habe mich dann auf den Weg hinunter ins Tal gemacht. Nach ein paar Überlegungen beschloss ich, wieder nach Bäcka zu fahren, weil mich der Anblick dort einfach nicht losgelassen hat.

Die Entscheidung war goldrichtig. Die Sonne hat sich aus ihrem Versteck hinter den Wolken hervor gewagt und tauchte alles in ein goldenes Licht. Der See lag nach wie vor spiegelglatt da und verstärkte die Schönheit der verschneiten Uferlandschaft noch mehr.

Ich konnte mich kaum satt sehen. Richtung Orsa waren die Bäume in ein warmes Abendlicht getaucht (auch wenn es technisch gesehen erst Nachmittag war), Richtung Våmhus spiegelten sich die Sonnenstrahlen auf dem Wasser und Richtung Westufer sah ich nach und nach immer mehr Lichtpunkte aufblitzen, als sich die sinkende Sonne in den Fenstern der Häuser dort spiegelte.

Während ich ein Foto nach dem anderen machte, sank die Sonne immer tiefer. Dadurch veränderte sich das Licht langsam aber stetig immer wieder, wodurch ich das Fotografieren einfach nicht lassen konnte. Jedesmal, wenn ich eine Veränderung im Licht feststellte, fand ich sie noch schöner als die Aussicht davor. Im Winter geht mir einfach das (Fotografen-)Herz auf. Es gibt so vieles, was ich an einer verschneiten Landschaft wunderschön finde.

Das warme Sonnenlicht auf dem kalten Schnee. Die flauschigen Wattebäusche aus Schneeflocken auf den dünnen, vertrockneten Gräsern. Die Spiegelung schneebedeckter Fichten im stillen Wasser des kalten Sees, der nur auf das Eis wartet. Die weiche Schneedecke, die alles sanft überdeckt, was der Herbst ausgelaugt und vertrocknet hat liegen lassen. Die reduzierten Farben, die unter dem Schneeweiß herausschauen. Die Stille, die entsteht, wenn der Schnee die Geräusche der Natur dämpft. Das helle Licht des nordischen Winters, das es nur hier gibt und das den Himmel höher erscheinen lässt.

Während die Sonne immer weiter auf die Bäume zusank, ließ ich mich von all diesen Dingen verzaubern. Und ich war so froh, dieses Schauspiel miterleben zu dürfen. Denn kein Tag ist dem anderen gleich und so wie es jetzt aussah, würde es nie wieder aussehen.

Vor mir zeichnete der Himmel weiche Konturen in den schönsten Farben auf das Wasser, während links von mir die Sonne die Baumwipfel aufglühen ließ.

Die Baumwipfel rechts von mir fingen an zu glühen, als die Sonne langsam dahinter verschwand und ein prächtiges Farbenspiel am Himmel hinterließ.

Und nicht nur der Himmel glühte noch eine Weile, sondern auch das Gefühl in mir, etwas Besonderes erlebt zu haben. Es war einfach wunderschön!

Ab und zu hörte ich Autos hinter mir auf der Straße vorbei brausen, aber außer mir nahm sich keiner die Zeit anzuhalten und diesen wunderbaren Augenblick zu bewundern. Dieses ganze Naturschauspiel war nur für mich, so fühlte es sich jedenfalls an.

Ich stand am Ufer und schaute zu, wie sich Himmel und See immer dunkler färbten und hatte es schwer, mich loszureißen. Vermutlich lag es an den inzwischen doch recht kalten Füßen, dass ich es doch irgendwann geschafft habe.

Nach einem letzten Blick über die Schulter lief ich die fünfzig Meter bis zum Auto, wo ich mir noch einmal eine heiße Tasse Tee gönnte, bevor es dann wirklich Zeit für den Heimweg wurde. Bis ich in Mora war, hatte sich die Dunkelheit über die Stadt gelegt. Jonas hatte daheim ein Feuer im Kamin entfacht und so konnte ich erstmal meine Füße auftauen und mich darüber freuen, einen so schönen Nachmittag erlebt zu haben.

Ich glaube, November und ich sind jetzt Freunde.

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