Zwischen Bären und Wölfen

Was tut man, wenn Ende April Besuch aus Übersee kommt und sich Dalarna von seiner hässlichsten Seite präsentiert? Traurige, angegraute Schneereste, die sich mit kahlen Bäumen und gelbbraunem Gras vom Vorjahr abwechseln sind nicht gerade der Anblick, den man seinen Besuchern wünscht. Aber gut, der Besuch kam ja eigentlich, um das Baby zu bewundern. Immerhin da gibt es viel Schönes für das Auge…

Mattis ist inzwischen acht Wochen alt und wird täglich größer. Er entwickelt einen eigenen Willen und beschwert sich auch mal, wenn das Essen nicht schnell genug aufgetischt wird. Aber was macht das, wenn er gleichzeitig die weichesten Hände und Füße hat und einen mit großen Augen anschaut, wenn man ihn im Arm hält? Bisher hat er auch alle Besucher um den klitzekleinen Finger gewickelt und sich bereitwillig von allen herumtragen lassen. Ein richtiges Vorzeigebaby!

Und nicht nur das, Mattis war genau wie unsere Besucher – mein Bruder Arne und seine Freundin, die extra aus Singapur angereist kamen – in Ausfluglaune. Aufgrund der bereits erwähnten eher nicht so fotogenen Natur und der Tatsache, dass die Waldpfade immer noch unter Schnee begraben lagen, haben wir uns an die selbstverständliche Alternative gewandt – den Bärenpark in Orsa.

Der Bärenpark – oder Raubtierpark, wie er sich mittlerweile nennt – liegt einige Kilometer nördlich von Orsa auf dem Berg. Dort ist auch das Skiresort Grönklitt, wo wir im Winter manchmal Langlauf fahren und nur kurz davor liegt unser Lieblingsfäbod Fryksås. Das haben wir aber diesmal zugunsten der Bären links liegen lassen.

Ich war vor Jahren mal mit Dominik, meinem anderen Bruder, im Bärenpark, damals im Hochsommer. Es war, soweit ich mich erinnere, ein warmer und sonniger Tag und viele der Tiere haben sich im Schatten versteckt. Diesmal war es anders. Ich habe von einer Tierpflegerin, die dort früher gearbeitet hat, gehört, dass April eine ideale Zeit für einen Besuch ist, da dann die Tiere nach dem Winterschlaf recht aktiv sind und mehr zu sehen sind als im Sommer. Und so war es tatsächlich!

Wir sind gegen den Uhrzeigersinn durch den Park gelaufen und haben zuerst die Wölfe besucht. Vorbildlich haben diese sich auch gezeigt und sind mehrmals an uns vorbei gelaufen und haben an strategisch gewählten Stellen kurz posiert.

Fantastische Tiere! Aber definitiv eine Tierart, der ich lieber in einem Tierpark begegne als in freier Natur. Einen Bären dagegen würde ich sehr gerne mal in der Wildnis sehen – wenn auch aus sicherem Abstand. In letzter Zeit habe ich allerdings nicht einmal Elche gesehen, sondern nur Rehe, was allerdings keine Kunst ist.

Bären gibt es im Raubtierpark einige – vor allem Braunbären, aber auch einen riesigen Kodiakbären sowie drei Eisbären. Da sich von den Aussichtsplattformen allerdings keine sehen ließen, konnte ich die Bären nur durch den Zaun hindurch fotografieren, was nicht so einfach war. Einige der Bären haben für uns ihre Show abgezogen, auch wenn ich das nicht mit der Kamera festhalten konnte. Der Kodiakbär, der sich das Gehege mit einem Braunbär teilt, hat sich mit seinem Freund spielerisch gerauft, was beiden viel Spaß zu machen schien – dass wir nur fünf Meter entfernt hinter dem Zaun standen und zugeschaut haben, hat sie dabei überhaupt nicht gestört. Minutenlang konnten wir zuschauen und über die schiere Größe der Bären staunen, bevor sie dann weiter gezogen sind. Und während die Eisbären faul in der Sonne lagen und sich geräkelt haben, hat im Gehege nebenan eine Bärenmutter mit ihren drei Babys gespielt. Die Kleinen waren so süß und haben ihre eigene Show geboten.

Bevor wir uns die Bärenjungen angeschaut haben, ging es allerdings erst an den höchsten Teil des Tierparks – den Tiger Mountain. Auch hier gab es Nachwuchs zu bestaunen. Im Tigerhaus spielten gerade zwei Tigerbabys mit einem Seil, während die Tigermama gelassen ein Stück weit entfernt lag und zugeschaut hat. Während die Tigerbabys wie erwartet zuckersüß waren, hat uns die Tigermama eher in Ehrfurcht versetzt. Sie war gigantisch!

Sibirische Tiger sind die größten (Raub)Katzen der Welt, das fiel einem bei ihrem Anblick nicht schwer zu glauben. Der Tigerpapa, der draußen im Gehege war, war nicht ganz so eindrucksvoll, habe ich mir von meinen Begleitern sagen lassen. Selber habe ich ihn nicht gesehen, denn mein eigener Nachwuchs hat beschlossen, dass er hungrig wie ein Tigerbaby war. Da es draußen zu kalt war, habe ich ihn im Vorraum des Aufzugs im Stehen gestillt. Aufregend für mich – nicht nur, weil hinter der Wand drei wilde Tiger waren. Aber immerhin, die Aussicht konnte sich sehen lassen.

Von hier aus kann man nämlich nicht nur wilde Tiere bewundern, sondern auch eine grandiose Aussicht über die endlosen Wälder Dalarnas. Irgendwo hier in der Nähe liegt übrigens auch unser Familienwald. Der beschert uns jedes Jahr Pilze, Preiselbeeren, Weihnachtsbäume und manchmal sogar Moltebeeren.

Nach den Tigern waren die Leoparden an der Reihe. Der Tierpark hat sowohl Schneeleoparden als auch persische Leoparden. Wir haben von beiden jeweils einen gesehen. Während der Schneeleopard faul in einem Sonnenfleck geschlafen hat, hat sich der persische Leopard für uns in verschiedene Posen geworfen.

Was dann folgte, war mein persönlicher Höhepunkt. Beim letzten Besuch haben wir nämlich vergeblich nach den Luchsen und Vielfraßen gespäht, aber keine entdecken können. Da auch weder Jonas noch Melker jemals einen Vielfraß im Park gesehen haben, haben wir schon gescherzt, dass es diese possierlichen kleinen Tiere gar nicht gibt. Zumindest nicht hier in Orsa. Bei der Größe der Gehege würde es ja reichen ein Schild aufzustellen, dass sich hier ein Vielfraß befindet, damit die Touristen – wir eingeschlossen – das glauben. Und während sich die Luchse auch dieses Mal wieder versteckt haben, waren die Vielfraße nicht nur aktiv, sondern wir kamen rechtzeitig zur Fütterung vorbei.

Da wir die einzigen Parkbesucher waren, die zur Fütterung vorbei kamen, bekamen wir auch ganz exklusiv einen kleinen Infovortrag auf Englisch, sodass ich nicht einmal dolmetschen musste. Guter Service! Die beiden Vielfraße – ein Männchen und ein Weibchen – futterten gemütlich vor unseren Augen ihre Fische, während wir erfuhren, dass Vielfraße im Winter schon auch mal Rentiere jagen (die sie solange durch den Schnee verfolgen, bis die Rentiere müde werden) und dass sie sich im Frühjahr paaren, aber der Embryo erst im Herbst beginnt zu wachsen, dazwischen ist er quasi auf Standby. Sehr spannend! Letzteres war auch der Grund dafür, warum die einzelgängerischen Tiere zusammen in einem Gehege waren – sie sollten sich paaren! Wer weiß, nächstes Jahr gibt es also vielleicht kleine Vielfraßbabys, die mit ihren Eltern durch das Gehege tollen. Das wäre ein toller Anblick!

Der Tag im Bärenpark war rundum gelungen und die Tiere haben uns sowohl in Erstaunen als auch in Entzücken versetzt. Zum Abschluss haben wir uns noch ganz klassisch eine Fika im Café gegönnt – auch Mattis – bevor wir dann wieder zum Auto sind. Der Plan war, gemütlich wieder nach Mora zu fahren, aber leider wollte das Auto nicht starten. Batterie leer. So leer, dass es nicht mal geholfen hat, den kleinen Buckel am Anfang des Parkplatzes herunter zu rollen. Da unten standen wir also, während ich versucht habe, das Personal auf die Jagd nach einem Startkabel zu setzen. Leider war keines auffindbar und so wurde die Familie aktiviert. Ich habe Jonas angerufen, der seinen Vater anrufen wollte und letztlich hat dann Jonas Bruder Micke einen Bekannten, der praktischerweise in Orsa Grönklitt arbeitet, gebeten, vorbei zu kommen. Und so wurden wir schon nach fünf Minuten Wartezeit von Sören gerettet. Das liebe ich daran, auf dem Land zu leben, hier helfen alle einander! So konnten wir uns den teuren Abschleppdienst sparen, was sonst vermutlich die Alternative gewesen wäre. Und vor allem hätte das länger gedauert, denn der hätte ja erst auf den Berg fahren müssen. Und mit dem Baby im Auto war es besonders angenehm, dass sich die Situation so schnell lösen ließ. Jetzt müssen wir allerdings wirklich ein Startkabel kaufen…

Fazit des Tages: Der Bärenpark ist immer einen Besuch wert, der Frühling scheint aber wirklich eine ideale Zeit dafür zu sein. Mit dem Kinderwagen war es auch kein Problem, sich durch den Park zu bewegen, alle Wege waren schneefrei, wenn auch teilweise sehr steil. Ein gutes Training für mich, das steht fest! Mattis hat natürlich alles verschlafen, aber in ein, zwei Jahren sitzt er sicher aufmerksam im Kinderwagen und bestaunt mit uns die tollen Tiere, die es hier gibt. Ich freu mich schon drauf.

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