Eine Nacht im Wald

Es ist August und der Sommer neigt sich dem Ende zu. Nach einem kühlen und verregneten Juli macht er aber jetzt nochmal ein warmes Comeback, leider genau als die Arbeit wieder los geht. Wenn ich an diesen Sommer denke, kommt er mir nur mittelmäßig vor. Viel Regen, große Wäscheberge, zu kalt zum Baden und wegen der aktuellen Reisebeschränkungen auch keine Besucher aus Deutschland. Um diesem Gefühl zu kontern, rufe ich mir immer wieder die vielen schönen Dinge in Erinnerung, die ich diesen Sommer dem Wetter zum Trotz erleben durfte. Eine meiner schönsten Sommererinnerungen ist eine Nacht im Wald zusammen mit meiner Freundin Malin.

Es ist lange her, dass ich in der freien Natur übernachtet habe. Dabei habe ich so viele schöne Erinnerungen an solche Übernachtungen, vor allem aus unseren Familienurlauben in Griechenland. Ich habe schon seit langem mal wieder Lust, eine Nacht draußen in der Natur zu verbringen und diesen Sommer hat es endlich geklappt.

Meine Freundin Malin, die genauso fotointeressiert ist wie ich, zeigt mir einige Lieblingsstellen im Wald und wir fotografieren emsig, um die Schönheit der Natur für uns festzuhalten.

Gegen Abend suchen wir uns dann einen Schlafplatz an einem Waldsee. Schlaf ist uns dabei eigentlich gar nicht so wichtig, wir wollen lieber so lange wie möglich das Abendlicht zum Fotografieren nutzen und dann zum Sonnenaufgang wieder bereit sein.

Durch Zufall und den vereinten Einsatz von Papierkarten und digitalen Landkarten finden wir einen wunderschönen kleinen Waldsee – abgelegen und ruhig und sogar ausgestattet mit einem kleinen Windschutz. Der ist uns an dem windigen, kühlen Augustabend sehr willkommen.

Am Waldsee angekommen, überrascht uns nicht nur die Abendsonne, die sich aus den dicken Wolken heraus kämpft, sondern auch ein wunderschöner Regenbogen – für uns definitiv ein Zeichen, dass wir unseren Platz gut ausgewählt haben!

Aus diversen Gründen haben wir uns dafür entschieden, in unseren Autos zu schlafen. Ich habe mir dafür extra den Volvo meines Schwiegervaters ausgeliehen, so kann ich die Rückbank umlegen und es mir richtig gemütlich machen. Im Nachhinein betrachtet, wäre es sicherlich wärmer gewesen, wenn wir uns ein Auto geteilt hätten – die Temperaturen sinken nachts auf nur 6 °C – aber aufgrund von Covid-19 erscheint uns der Abstand zwischeneinander doch sinnvoller.

Mit einer Tasse heißem Tee in der Hand sitzen wir im letzten Abendlicht im Windschutz und schauen über den Waldsee hinweg. Noch weht ein stetiger Wind darüber und wir hoffen, dass er sich nachts legt, sodass wir morgens miterleben dürfen, wie der Morgennebel über dem See aufsteigt. Schließlich gähnen wir so oft, dass wir den Tag für beendet erklären und uns in unsere Autos zurückziehen. Ich lache ein letztes Mal für diesen Tag über die Tatsache, dass Malin an einem einsamen Waldsee in Dalarna ihre Zähne mit der elektrischen Zahnbürste putzt, dann krieche ich in meinen Schlafsack und lege als extra Schutz noch eine Wolldecke darüber. Mein letzter Blick geht zu den Bäumen, die sich vor dem Auto dunkel gegen den dämmrigen Nachthimmel abzeichnen.

Die Nacht wird kalt und ich ziehe mir irgendwann einen extra Pulli und eine Mütze über. Und dann klopft auch schon Malin leise ans Autofenster, um mich zu wecken. Noch 10 Minuten, dann geht die Sonne auf. Ich ziehe mich schnell und leise an, packe die Kamera und schon treffen wir uns am Wasser. Es ist spiegelblank und der weiße Nebel hebt sich wunderschön von den dunklen Bäumen ab.

Wir reden kaum, sondern saugen einfach nur die Stille und die magische Morgenstimmung in uns auf. Die Baumwipfel werden von den ersten Sonnenstrahlen geküsst und das Licht verändert sich stetig. Wir laufen langsam am See entlang und registrieren alle schönen Einzelheiten. Es ist still, so still.

Die Morgenluft ist kristallklar und ich drinke sie in großen Zügen auf. Meine Daunenjacke hält mich warm, noch wärmer hält mich allerdings das Glücksgefühl genau jetzt genau hier zu sein. Hin und wieder wende ich den Blick vom Wasserspiegel ab und blinzle in die Sonne, die durch die hohen Kiefern strahlt.

Das einzige Geräusch, das ich höre, sind meine Schritte auf den Holzplanken, die am See entlang führen und das Rascheln meiner Kleidung. Der Wind schläft noch und die Bäume stehen still da. Hin und wieder höre ich ein Vogelzwitschern. Ich verspüre keinerlei Müdigkeit, obwohl der Tag um 4 Uhr 30 anfing.

Als die Sonne langsam höher steigt, wird der Nebel dünner und alles wird in goldenes Licht getaucht. Langsam aber sicher fängt mein Magen an zu grummeln. Aber noch kann ich nicht aufhören. Auch Malin fotografiert unaufhörlich und ab und zu machen wir uns leise auf ein besonders schönes Motiv aufmerksam. So weit weg von Stress und Zeitdruck war ich schon lange nicht mehr.

Doch dann ist es Zeit für ein leckeres Outdoorfrühstück. Malin schmeißt den Gaskocher an und kocht Tee- und Kaffeewasser. Auf uns wartet ein opulentes Frühstück mit einer Aussicht und Stille, die nicht besser sein könnten.

Gemütlich sitzen wir auf meiner weichen Wolldecke auf der Bank im Windschutz und unterhalten uns. Über das Fotografieren, die Natur, das Leben. Die erste heiße Tasse des Tages wärmt den Magen. Es geht uns gut hier.

Auch wenn sich langsam das Gefühl einschleicht, dass das Ende unseres Ausflugs näher rückt, sind wir noch nicht bereit zum Aufbruch. Es wird schwer werden, sich von diesem zauberhaften kleinen Waldsee zu trennen. Also drehen wir nach dem Frühstück nochmal eine Runde am Wasser entlang. Ich habe mein Objektiv gewechselt und konzentriere mich jetzt auf die Details. Schön gebogene Gräser, Spinnennetze, halb gereifte Moosbeeren und fleischfressende Pflanzen, die ihre gefährliche Seite mit glitzerndem Morgentau tarnen. Es gibt so viel Schönes zu entdecken – man muss nur genau hinsehen!

Malin ist begeistert von den ihr bisher unbekannten fleischfressenden Pflanzen und nennt sie schnell liebevoll „Fleischis“. Sie vergnügt sich außerdem damit, meine Körperhaltung mein Fotografieren besagter Fleischis festzuhalten. Es ist eine Mischung aus „Schwänzchen in die Höh“ und „Morgengebet“.

Die Sonnenstrahlen streicheln uns wärmend den Rücken, während wir noch ein letztes Mal die Aussicht über den Waldsee genießen. Bald wird es Zeit, in die Zivilisation zurückzukehren, zum Familienleben und den Wäschebergen.

Als der erste Angler auftaucht und uns daran erinnert, dass wir eben doch nicht ganz alleine auf der Welt sind, kehren wir zurück zu unseren Autos und packen zusammen. Voller Zufriedenheit, innerer Ruhe und ein bisschen Wehmut.

Aber auch alles Schöne hat sein Ende und das ist in Ordnung so. Als wir uns auf den Heimweg machen, haben wir ein Lächeln im Gesicht und viele neue, wunderschöne Erinnerungen im Gepäck – und den unbedingten Wunsch, bald wieder so einen Ausflug zu unternehmen. Es gibt schließlich noch viele andere schöne Seen und Wälder zu entdecken…

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